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Inhalt

Numéro 614

Thème
Schulische Bildung

08.01.2007

Warum fehlt der naturwissenschaftliche Nachwuchs? - Erfahrungen aus der Begabtenberatung Ich schreibe diesen Brief aus langjähriger Erfahrung in der ehrenamtlichen Beratung von Familien mit besonders begabten Kindern. Dabei ist mir aufgefallen, dass eine ganze Gruppe von Schülern im derzeitigen Schulsystem nicht begabungsgerecht gefördert werden kann.
Ich spreche dabei von denjenigen Schülern, die eine überdurchschnittliche Begabung im mathematisch/naturwissenschaftlich/technischen Bereich haben, aber bei der sprachlichen Begabung "nur" im Durchschnitt (=Realschulniveau) liegen. So ein Schüler hat im Übertrittszeugnis der Grundschule typischerweise eine 1 in Mathe, eine 1 oder 2 in Sachkunde und eine 2 oder 3 in Deutsch, und damit zweifellos den notwendigen Notendurchschnitt für das Gymnasium, das dann in der Regel auch besucht wird.
Manchmal schon im Laufe der fünften, spätestens in der sechsten Klasse merkt dieses Kind, dass es 3/4 der Hauptfachstunden mit Sprachen (Deutsch und 2 Fremdsprachen), also seinen relativen Schwächen und nur 1/4 mit seinen Stärken (Mathematik) verbringt. Beim Lernen zu Hause ist dieses Verhältnis noch viel extremer (etwa 7/8 zu 1/8), da ja für die schwächeren Fächer viel mehr geübt werden muss. Entsprechend sinkt die Motivation, die Leistungen sinken daraufhin ebenfalls und nicht selten endet diese Negativspirale bis zum Ende von Klasse 7 mit dem Wechsel zur Realschule. Damit ist diesen naturwissenschaftlich besonders begabten Schülern, die genau den immer wieder geforderten Nachwuchs in den Ingenieurwissenschaften, Physik etc. darstellen würden, der direkte Weg zum Abitur erst einmal verstellt. Und das Selbstbewusstsein hat oft ganz massiv gelitten.
Um der Förderung dieser Talente wirklich gerecht zu werden, ist eine wesentliche Änderung an den deutschen Gymnasien dringend notwendig.
Für eine naturwissenschaftlich/technische Laufbahn sind gute Deutsch- und Englischkenntnisse zweifellos notwendig. Eine zweite Fremdsprache wird in der Praxis zwar gern gesehen, entspricht aber nicht unbedingt der in der Schule gelernten Sprache. Daher wäre der Ersatz der zweiten Fremdsprache im Naturwissenschaftlich-Technologischen Gymnasium durch Natur und Technik als Hauptfach die naheliegende Konsequenz. Für das Musische Gymnasium entscheidet man sich bereits ab Klasse 5 und erhält sinnvollerweise von Anfang an Instrumentalunterricht. Es gibt keinen plausiblen Grund, warum Physik, Chemie und Informatik erst ab Klasse 8 zum Schwerpunkt werden sollen, wenn der Lehrplan entsprechend gestaltet wird. Dazu muss man sich natürlich von der traditionellen "Formel-Physik" verabschieden und entsprechende altersgerechte Konzepte erarbeiten. Die Grundlagen hierzu sind ja mit dem neuen Fach Natur und Technik bereits gelegt (auch wenn es sich in Klasse 6 bisher oft noch um traditionellen Biologie-Unterricht unter neuem Namen handelt). Solch eine weitreichende Änderung entspräche dann wirklich den viel zitierten Grundsätzen, alle Talente zu fördern und vorhandene Potentiale zur Entfaltung zu bringen.
Sollte die starke sprachliche Orientierung des Gymnasiums mit der Verpflichtung zu mindestens zwei Fremdsprachen jedoch für alle Zeiten festgeschrieben sein, darf sich niemand wundern, wenn uns langfristig der hochkarätige naturwissenschaftliche Nachwuchs fehlt.
Ich hoffe sehr, dass dieses Schreiben nicht in einem Ordner verschwindet, sondern den Entscheidungsträgern zumindest als Anregung zugänglich gemacht wird.
Mit freundlichen Grüßen

Antwort Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg am 15.01.2007

Im gegliederten Schulwesen in Baden-Württemberg bietet sich für Schüler mit einer stärker ausgeprägten naturwissenschaftlich-technischen Begabung die Realschule an, an der als Kernfach der Fächerverbund NWA (Naturwissenschaftliches Arbeiten ) sowie zur Wahl ab Klasse 7 das Fach Technik oder das Fach Mensch und Umwelt angeboten wird. Außerdem wird an den Realschulen in Klasse 5 und 6 das themenorientierte Projekt Technisches Arbeiten fächerübergreifend unterrichtet. In der Realschule ist nur eine Fremdsprache Pflicht.
Der Weg zur Hochschule kann dann - direkt im Anschluss an die Realschule - ohne Unterbrechung durch eine Berufsausbildung - an einem beruflichen Gymnasium der dreijährigen Ausbauform weitergeführt werden, z.B. am technischen Gymnasium, welches mit den Profilfächern Technik oder Gestaltungs- und Medientechnik oder Informationstechnik oder Technik und Management angeboten wird. Alternativ könnte auch ein biotechnisches Gymnasium mit dem Profilfach Biotechnologie besucht werden.
Allerdings ist an den beruflichen Gymnasien eine zweite Fremdsprache verbindlich zu belegen und in die Gesamtqualifikation, die für die Zuerkennung der allgemeinen Hochschulreife maßgebend ist, einzubringen. Schon seit Jahren erreichen circa 10 Prozent eines Altersjahrganges oder circa 1/3 der Absolventen der Realschulen über die beruflichen Gymnasien die allgemeine Hochschulreife.
Entsprechend begabten Kindern ist daher die Realschule als Bildungsweg zur Hochschulreife anzuraten, wohingegen am allgemein bildenden Gymnasium künftig schon ab Klasse 5 oder 6 zwei Fremdsprachen als Pflichtfächer zu belegen sind.